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Ein Freund, ein guter Freund...



Gleich zu Beginn der Ausbildung im Priesterseminar ist uns diese Ikone begegnet.

Ich weiß nicht mehr genau, was mich damals mehr angesprochen hat, das Thema des Bildes „Freundschaft mit Christus – Jesus als Weggefährte“ oder die Abbildung selbst in ihren schönen gelb-braunen Farbtönen.

Es handelt sich um eine uralte, aber sehr gut erhaltene koptische Ikone (typisch: die großen Köpfe und die riesigen Heiligenscheine).

Das Original (quadratisch, 57 x 57 cm) befindet sich in der ägyptischen Abteilung des französischen Nationalmuseums, dem Louvre in Paris.

Die Beschriftung rechts und links am oberen Bildrand (in griechischen Buchstaben) verrät, wer auf dem Bild dargestellt ist:

Links Abt Menas, bezeichnet als „Vater Menas, Wächter“.

Und rechts Jesus Christus, bezeichnet als „Soter“, zu Deutsch „Retter“.


So richtig bekannt wurde diese Ikone durch die Brüder aus Taizé. Dort hängt eine große Kopie in der Versöhnungskirche, wo sich Woche für Woche hunderte junger Menschen treffen.

Der Überlieferung nach war Menas zunächst ein ägyptischer Soldat.

Später wurde er Mönch und dann Abt des Klosters Bawit in Ägypten.

Zahlreiche Legenden sind über ihn in Umlauf. Sie zeichnen ihn als Menschen, der mit seinem Christsein radikal ernst gemacht hat und für unzählige Menschen zum Vorbild und Nothelfer geworden ist.

Bei der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian soll er im Jahr 296 wegen seines christlichen Glaubens und seines Bekennermutes verhört, gefoltert und hingerichtet worden sein.

Als heiliger Märtyrer wird Menas besonders in der koptischen Kirche sehr verehrt. An seinem Grab (etwa 40 km südwestlich von Alexandrien) – an einer als heilig verehrten Quelle – ereigneten sich zahlreiche Wunder. Tausende Pilger suchten es auf. Die Stadt, die um das Grab herum entstanden ist, Abu Mena (Menasstadt), war bis zum 10. Jahrhundert ein bedeutender Wallfahrtsort, eine Art „frühchristliches Lourdes“. Bis heute ist Menas der volkstümlichste Heilige in Ägypten.



BILDMEDITATION

Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer stehen nah beieinander und schauen gemeinsam nach vorn. Die etwas größere Figur rechts ist Christus, erkennbar am Kreuznimbus. Er hat seinen rechten Arm liebevoll um Menas gelegt. Und seine Hand ruht auf dessen Schulter.

Die Geste geht von Jesus aus.

Eine Geste der Kameradschaft, der Verbundenheit, der Freundschaft.

Eine Geste auch, die Kraft spendet, die ermutigt und stärkt.

Christus und Menas schauen sich nicht an. Sie sind einander nicht zugewandt. Sie sind auch nicht umschlungen wie ein Liebespaar.

Es ist eher, wie wenn der große Bruder dem kleinen die Hand auf die Schulter legt, ihm den Rücken stärkt und ihm dabei Zuversicht übermittelt.

Eine Reihe von Symbolen deutet die Beziehung der beiden aus:

Da sind zunächst die großen Heiligenscheine, die die Häupter von beiden umschließen, wobei der von Christus den des Menas ein klein wenig überragt und zusätzlich durch das Erlösungszeichen des Kreuzes gekennzeichnet und herausgehoben ist. Diese leuchtend gelben Scheiben drücken etwas Unsichtbares aus. Sie symbolisieren ein inneres Licht. Und obwohl es zwei sind kennzeichnen sie eine gemeinsame Aura.

Jesus trägt in der linken Armbeuge ein großes Buch. Es ist ein kostbares, reich verziertes Evangeliar, Hinweis auf das Wort Gottes, das Evangelium, die Frohe Botschaft. Das Buch sagt und zeigt, was Jesus lehrte und tat und wofür er lebte und starb. Und es lädt ein zur Nachfolge.

„Leben nach dem Evangelium“, das war es, was Menas als Christ, als Mönch und Abt in heidnischer Umgebung anstrebte und zu verwirklichen suchte.

Menas hält in der linken Hand eine kleine, unscheinbare Papyrusrolle.

Es mag die Kloster- oder Ordensregel sein, welche die Lebensweise der Mönche in der Nachfolge Christi auslegt und beschreibt.

Menas hält die Weisung fest umschlossen in seiner Hand. Sie ist im Maßstab und Richtschnur für sein Leben.

Auch in Bedrängnis, Not und Verfolgung wird er daran festhalten und treu zu seinem Glauben stehen, bis in den Tod.

Wie einen Schatz tragen beide, Christus und Menas, das Wort Gottes, die Weisung auf ihrem Herzen.

Auffällig und ungewöhnlich ist, dass die Aufschrift „Vater Menas, Wächter“ zweimal vorkommt, einmal im oberen lachsroten Drittel, das den Himmel symbolisiert, und ein zweites Mal – weniger gut leserlich – links am Rand des grünlichen unteren Bereich des Bildes, der die Erde darstellt. Vielleicht soll damit herausgestellt  werden, dass Menas sowohl in der Welt als auch im Himmel zuhause war.

Es fällt auch auf, dass Menas keine Schuhe trägt. Er geht barfuss.

Ist es ein Zeichen für Leichtigkeit? Oder für Bedürfnislosigkeit?

Ist er als Armer unterwegs? Oder deutet es seinen Bodenkontakt an, sein Geerdetsein?

Denn im Unterschied zu Christus steht er auf der Erde.

Es scheint auch als habe er den rechten Fuß zum Gehen schon leicht vorgeschoben. In Freundschaft mit Jesus verbunden, ist er bereit zu gehen, auszuschreiten, sich senden und sich in Dienst nehmen zulassen, den Blick auf Gott und den Willen des Vaters gerichtet.

Jesu Füße sind nicht sichtbar.

Vielleicht ist er als der Auferstandene dargestellt, dessen Füße schon nicht mehr auf der Erde stehen.

Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die Ikone viele hundert Jahre alt ist und die Farbe an dieser Stelle gelitten hat.

Vielleicht können wir es aber auch so deuten:

„Jesus hat keine Füße, nur unsere Füße, um seine Botschaft in die Welt und zu den Menschen zu bringen.“

Jesu großen Augen sind weit geöffnet. Es sind die Augen eines Wissenden. Sie signalisieren Klarheit und Entschiedenheit und lassen die innere Fülle nach außen strahlen.

Auch die Augen des Menas sind weit geöffnet, aber sie scheinen mehr fragend in die Ferne gerichtet zu sein, wie wenn sie etwas suchen würden.

Und doch ist es kein nervöser Blick. Gleichzeitig scheinen seine Augen nämlich auch nach innen zu gehen, wie wenn sie in etwas zu ruhen würden.

Gut sichtbar sind bei Menas die Ohren. Er ist ein Hörender.

Hören ist eine wichtige Jüngertugend.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

„Selig, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“

Mit seiner rechten Hand deutet Menas zu Jesus Christus hinüber.

ER ist die Kraftquelle seines Glaubens, seiner Hoffnung und seiner Liebe.

IHM fühlt er sich in Treue verbunden. Mit IHM schaut er nach vorn. Mit SEINER Kraft geht er voll Vertrauen seinen Weg.

Oder ist es gar keine Deute-, sondern eine Segensgeste?

Hat Menas seine Hand zum Segen erhoben?

Segnet er als Klostervorsteher seine Brüder? Segnet er die, die – wie er – an Christus glauben? Segnet er uns, die Betrachter des Bildes?




Gedanken dazu


Statt des koptischen Abtes Menas könnte jeder und jede von uns auf dieser Ikone abgebildet sein. Jede und jeder trägt sein Bündel an Lebensweisheit und Lebenserfahrung. Wie Menas sind wir auf dem Weg, manchmal zuversichtlich, oft aber auch in Ängsten gefangen und mit Sorgen beladen; manchmal leichtfüßig, oft aber auch mühsam und beschwerlich.

Was wäre, wenn ich es wagte, mich an die Stelle des Menas zu denken?

Wie wäre das für mich, wenn ich seinen Platz einnähme? Und neben mir – auf Augenhöhe – Jesus Christus, der Auferstandene, der Herr, mein Freund und Meister? Ich an der Seite Jesu. Jesu an meiner Seite?

Wie wäre es für mich, zu spüren wie Jesu freundschaftlich seinem Arm um meine Schultern legt und mir – in all meinen Schwächen, Hoffnungen und Zweifeln – schützend und stärkend seine Hand auflegt?

Er, der Herr, ist an der Seite eines jeden von uns, auch wenn wir es nicht spüren. Er ist da. – Das ist seine Zusage:

„Ich bin bei euch alle Tage.“

Menas kannte das Taizelied noch nicht, aber er hat verwirklicht und gelebt, was es aussagt „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Wir leben heute in einer anderen Zeit als Menas. Und Menas lebte in einer anderen Zeit als die Jünger und Jüngerinnen Jesu. Die Zeiten ändern sich.

Entscheidend ist, dass Jesus Christus derselbe bleibt gestern, heute und morgen. Entscheidend ist, dass er bei uns ist und mit uns geht und uns jeden Tag die Kraft gibt, die wir brauchen.

Selbst im Sterben verlässt er uns nicht. „Nur einer gibt Geleite, das ist der Herre Christ. Er wandert treu zur Seite, wenn alles uns vergisst.“

Er nimmt uns an der Hand und führt uns aus dem Tod ins ewige Leben.

(Interessant: die Geste der auf die Schulter gelegten Hand könnte, so vermuten einige Betrachter der Ikone, von ägyptischen Anubis Darstellungen stammen, da Anubis, ein altägyptischer Gott, in seiner Funktion als Begleiter der Totenriten und als Seelenführer ins Jenseits seine rechte Hand auf die Schulter der Verstorbenen legt.)

Ich stell‘ mir vor: Als Menas auf so grausame Weise starb, weil er seine Freundschaft mit Christus nicht verraten wollte, da hat Jesus auch seinen Arm um seine Schulter gelegt und ihn heimgeholt und ihm erneut einen Platz an seiner Seite gegeben.

Die Ikone des heiligen Menas mit Christus wurde durch das Mönchskloster von Taize im Rahmen der ökumenischen Jugendtreffen als „Ikone der Freundschaft“ bekannt und erhielt auf diese Weise eine neue, zeitgemäße Interpretation.


Ermutigend klingen von hier die Worte von Bruder Roger Schutz:

„Lebe das; was du vom Evangelium begriffen hast,

und sei es auch noch so wenig.“

Das aber lebe, das mach konkret, das versuche umzusetzen und hinein zu buchstabieren in dein Leben!

Noch etwas: Christus nennt uns im Evangelium seine Freunde. (Joh 15,15)

• Macht es mich froh und dankbar, zu wissen, dass Jesu mir seine Freundschaft anbietet?

• Macht es mich als Christ glücklich und vielleicht sogar ein wenig stolz, sagen zu können: Ich habe Jesus als Freund?

Freund Jesu sein: das ist meine Berufung – und mein Lebensglück.

Jesus braucht viele Freunde und Freundinnen, die sein Wort hören und es befolgen, Menschen, die seine Botschaft weitersagen und weitertragen – wie Abt Menas.



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