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Jemand muss zu Hause sein...




#zuHause... das ist sicher einer der Hashtags dieser Zeit. Auf einmal sind wir alle zu Hause. Bleiben daheim aus Solidarität mit allen andern Leuten, die achtsam drauf sind, sich das Virus nicht irgendwo unbedacht einzufangen. Wer sich schützt, schützt den Nächsten. "Jetzt ist Abstand das Gebot der Stunde", sagte der Limburger Bischof am Sonntagabend im ZDF: "Und es ist auch ein Gebot der Nächstenliebe, dass wir uns daran halten - ein Gebot des Selbstschutzes und des Schutzes vor allem der besonders Gefährdeten." In Trier hat man daraus in der dem Trierer eigenen Mundart mit derbem Charme ein Lied gemacht. "Bleif dahemm"


Zu Hause sein kann man physisch, wenn man wirklich ganz persönlich da ist. Sind wir aber meistens doch nicht, denn wir Menschen sind nunmal gern unterwegs mit und zu anderen Menschen. Dann ist so vieles wichtig, nur nicht das Wichtige. Was wichtig ist, das lernen wir in diesen Tagen neu. Denn wir haben Gelegenheit, Dinge zu vermissen, weil wir sie uns nicht schnell mal gerade holen können. Die meisten Läden haben zu, andere haben lange Schlangen vor der Tür, und selbst bei Amazon heißt es, dass man in unserem Gebiet mit längerer Lieferzeit rechnen muss, obwohl uns vom nächsten Versandzentrum keine 10 km Luftlinie trennen.


Wir haben Gelegenheit, zu vermissen, was sonst so selbstverständlich ist - ohne zu wissen, wann das alles denn wieder verfügbar sein wird. Das ist für manchen Zeitgenossen schon echt schwer.


Zu Hause sein kann man im übertragenen Sinne auch, wenn man ganz "bei sich" ist, wenn man "bei sich wohnt". Habitate secum haben das die alten Meister der Spiritualität genannt. So wie wir durch unser derzeitiges häusliches Exil auf einmal viel mehr merken, in welchen Gepflogenheiten wir so Tag für Tag gefangen sind, und wie wir merken, von was unser Tag sonst so alles abhängt, so wird in der christlichen Tradition der geistlichen Schriftsteller immer wieder deutlich, dass der oder diejenige eine gute Chance hat, Gott im Leben wahrzunehmen, der die Kunst des "bei sich Wohnens" übt. Vielleicht ist unser Corona-Exil zu Hause eine Gelegenheit dazu, vielleicht aber auch eine echte Herausforderung, denn wann wohnt man schon mal so lange ununterbrochen mit der ganzen Familie "bei sich"?


Als Christen vertrauen wir darauf, dass Gott mitten dieser Welt immer wieder kommt. Vor allem dahin, wo man ihn erwartet, denn da ist eine Offenheit da, ihn auch wahrnehmen zu wollen.

Üben wir uns doch in dieser Offenheit in dieser Zeit, die uns Gelegenheit gibt, alleine oder miteinander "bei sich zu wohnen". Zeit haben wir ja dazu. Keiner soll sagen, "ich kann grad nicht..." (vgl. Lk 14,16ff.)


Eine der ganz großen zeitgenössischen geistlichen Autorinnen war die Benediktinerin Sr. Hedwig Walter (1919-2011). Als Autorin schrieb sie immer unter ihrem Mädchennahmen Silja Walter. Als Student hatte ich Gelegenheit, sie persönlich kennen zu lernen. Das war ein echtes Erlebnis. Jedes ihrer Worte ließ ein enormes inneres "Erfüllt-sein" von Gott spüren. Dabei hat der es ihr im Verlaufe ihres langen Klosterlebens nicht immer einfach gemacht. Um das Leben der Ordensfrau mitten in der Welt dreht sich ihr Werk, um Gottes Kommen in diese Welt, so wie sie ist, und um die Menschen, die spüren, dass er sich bemerkbar macht.


Das Gebet des Klosters am Rande der Stadt ist ihre Art, vom "bei sich Wohnen" zu sprechen und stellvertretend für die ganze Welt, die nicht immer Zeit dafür hat, das Kommen Gottes zu erwarten. Lesen Sie's langsam, meditativ, halblaut.

Vielleicht auch zweimal.

Es hat das Zeug, uns zu helfen, IHN in dieser Zeit zu entdecken,

weil es ermutigt, IHN in unseren Lebensumständen zu erwarten... (sd)




Silja Walter

Jemand muss zuhause sein, Herr, wenn du kommst. Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt. Jemand muss nach dir Ausschau halten, Tag und Nacht. Wer weiß denn, wann du kommst?

Herr, Jemand muss dich kommen sehen durch die Gitter seines Hauses, durch die Gitter – durch die Gitter deiner Worte, deiner Werke, durch die Gitter der Geschichte, durch die Gitter des Geschehens immer jetzt und heute in der Welt.

Jemand muss wachen, unten an der Brücke, um deine Ankunft zu melden, Herr, du kommst ja doch in der Nacht, wie ein Dieb.

Wachen ist unser Dienst. Wachen. Auch für die Welt. Sie ist oft so leichtsinnig, läuft draußen herum und nachts ist sie auch nicht zuhause. Denkt sie daran, dass du kommst? Dass du ihr Herr bist uns sicher kommst?

Jemand muss es glauben, zuhause sein um Mitternacht, um dir das Tor zu öffnen und dich einzulassen, wo du immer kommst.

Herr, durch meine Zellentüre kommst du in die Welt und durch mein Herz zum Menschen.

Was glaubst du, täten wir sonst? Wir bleiben, weil wir glauben. Zu glauben und zu bleiben sind wir da, draußen, am Rand der Stadt.


Herr, und jemand muss dich aushalten, dich ertragen, ohne davonzulaufen. Deine Abwesenheit aushalten, ohne an deinem Kommen zu zweifeln. Dein Schweigen aushalten und singen. Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten und daraus leben. Das muss immer jemand tun mit allen andern und für sie. Und jemand muss singen, Herr, wenn du kommst!

Das ist unser Dienst: Dich kommen sehen und singen. Weil du Gott bist. Weil du die großen Werke tust, die keiner wirkt als du. Und weil du herrlich bist und wunderbar, wie keiner. Komm, Herr! Hinter unsern Mauern unten am Fluss wartet die Stadt auf dich. Amen.



Silja Walters Kloster am Rande der Stadt ist das Kloster Fahr, gelegen an der Limmat vor den Toren der Stadt Zürich.


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